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Der moderne Mensch Homo sapiens und die Gnade der späten Geburt

Der moderne Mensch Homo sapiens und die Gnade der späten Geburt
Es gibt Forscher, die glauben, dass Arten altern und sterben wie Lebewesen. Das würde erklären, warum es heute nur noch eine Menschenart gibt.
Symbolbild
Früher existierten auf der Erde unzählige Hominiden- und Menschenarten. Doch seit 40.000 Jahren ist das anders. Es gibt nur noch den modernen Menschen Homo sapiens. Und seit Jahrzehnten diskutieren die Forscher darüber, warum so viele Arten ausgestorben sind und nur unsere Spezies überlebt hat.
Schaut man sich den Fossilbestand an, dann ist es eigentlich ganz normal, dass Arten entstehen und wieder verschwinden. Im Schnitt existieren Arten nur vier Millionen Jahre. Dann ist Schluss. Rien ne va plus. 99,9 Prozent aller Arten, die einst die Erde bevölkert haben, sind inzwischen verschwunden. Es scheint fast so, als würden Arten altern und sterben wie Lebewesen.

Wenn die innere Kraft einer Art versiegt

Im 19. Jahrhundert war diese Vorstellung weit verbreitet. Viele Naturforscher waren davon überzeugt, dass Arten so etwas wie ein natürliches Verfallsdatum besitzen. Sie bezeichneten das als "innere Kraft einer Art", die irgendwann versiegt. Man ging davon aus, dass Arten wie Lebewesen altern. Und wenn ihre Lebenskraft aufgebraucht ist, dann sterben sie aus.
Diese Ideen sind inzwischen veraltet. Aber tot sind sie nicht. Nach wie vor gibt es Wissenschaftler, die sich mit dieser Frage beschäftigen. Und es gibt zwei Theorien, die sich dem Thema mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen angenähert haben. Man bezeichnet sie als Evolutionary Suicide Theorie und Telomer Theorie.

Tolle Mutationen, die sich als schlecht für die Art entpuppen

Die Evolutionary Suicide Theorie geht davon aus, dass Mutationen, die für ein einzelnes Lebenwesen vorteilhaft sind, seiner Art schaden können. Und je älter eine Art wird, desto mehr dieser individell guten aber für die Art schlechten Mutationen sammeln sich im Erbgut einer Spezies an. Und nach zwei, drei oder vier Millionen Jahren haben sich so viele dieser für die Art negativen Mutationen durchgesetzt, dass die Art nicht mehr konkurrenz- und lebensfähig ist. Sie stirbt aus.
Ein einfaches Beispiel: Tierarten, die einer intensiven Bejagung ausgesetzt sind, reagieren darauf, indem sie immer früher geschlechtsreif werden. Dadurch haben sie mehr Zeit, Nachkommen zu zeugen. Das ist für das Individuum natürlich ein Vorteil, denn seine Gene breiten sich aus. Doch für die Art kann das verhängnisvoll sein. Denn mit der Geschlechtsreife endet auch das Wachstum. Die Tiere werden immer kleiner. Und dadurch werden sie plötzlich für Raubtiere interessant, die sie vorher nicht fürchten mussten. Und das kann zum Aussterben einer Art führen.
Die Evolutionary Suicide Theorie besagt in Kürze Folgendes: Prinzipiell positive Mutationen können sich als schlecht für die Art entpuppen. Und im Laufe der Zeit sammeln sich immer mehr dieser "schädlichen Nebenwirkungen" im Erbgut einer Spezies an und irgendwann ist sie reif für die ewigen Jagdgründe.

Wenn die Species Clock nicht mehr tickt

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt die Telomer Theorie. Telomere sind die End- und Schutzkappen der Chromosomen. Sie halten die Chromosomen zusammen und spielen für die Fortpflanzung eine wichtige Rolle. Allerdings hat man festgestellt, dass die Telomere mit jeder Zellteilung kürzer werden. Und unterschreiten sie eine bestimmte Länge, dann kann sich eine Zelle nicht mehr teilen und stirbt ab. Man nennt das auch Altern.
Soweit, so gut. Doch inzwischen weiß man, dass die Telomere nicht nur innerhalb eines Lebens kürzer werden, sondern auch von Generation zu Generation. Kinder haben kürzere Telomere als ihre Eltern. Und irgendwann sind die Telomere so kurz, dass es zu einem "genetischen Crash" kommt und eine Art ausstirbt.
Die Telomere begrenzen also nicht nur die Lebenszeit eines einzelnen Organismus, sondern auch die Zeitspanne, in der eine Art existiert. Salopp könnte man sagen: Auch Arten altern. Sie werden irgendwann greise und sterben. Der Biologe Dr. Reinhard Stindl hat das mal als "Species Clock" bezeichnet, die irgendwann aufhört zu ticken.

Bislang sind das nur Hypothesen

Die Evolutionary Suicide Theorie und die Telomer Theorie sind bislang nur Hypothesen. Man kann sie nicht beweisen. Die Zeiträume, in denen sich diese evolutionären und genetischen Prozesse abspielen, sind viel zu lang. Allerdings bieten beide Theorien moderne Erklärungsansätze dafür, warum es nur wenige Arten gibt, die länger als vier Millionen Jahre existiert haben. Und selbst diese Ausnahmen - Charles Darwin hat dafür den Begriff "Lebende Fossilien" geprägt - lassen sich aus den Theorien heraus erklären.
Hatten die Naturforscher des 19. Jahrhunderts also doch recht, als sie vermuteten, dass Arten ähnlich wie Lebewesen altern und sterben? Dass sie ein Verfallsdatum haben, das sie nicht überschreiten können? Und wenn ja, was bedeutet das für den Menschen?

Auch der Homo sapiens wird altern und aussterben

Schaut man sich die fossil belegten Zeitspannen an, in denen die verschiedenen Vettern und Vorfahren des modernen Menschen existiert haben, dann kommt man auf ungefähr 300.000 Jahre. Und den Homo sapiens gibt es seit 200.000 Jahren. Fossil zweifelsfrei belegt ist er sogar erst seit 164.000 Jahren. Danach verbleiben unserer Art noch etwa 150.000 Jahre, bevor sie ausstirbt. Sie können ihren Kaffee also in Ruhe austrinken.
Sollte tatsächlich stimmen, dass Arten nur eine begrenzte Lebensdauer haben, dann würde das erklären, warum es heute nur noch den Homo sapiens gibt. Wir sind nicht schlauer, stärker oder kreativer als andere Menschenarten, sondern lediglich jünger. Dass unsere Art noch existiert, ist allein der Tatsache geschuldet, dass wir so spät entstanden sind.
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EVOLUTION & MEINUNG

Die meisten Arten zeigen keine gerichteten Veränderungen während ihrer Existenz auf Erden. Von ihrer Erscheinungsform im Fossilbericht her sehen sie fast genauso aus wie zum Zeitpunkt ihres Verschwindens.
Stephen Jay Gould

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